Nachschau Symposium Schönbrunn

Das war das Fachsymposium 100 Jahre Schönbrunner Schule

Beim pädagogischen Fachsymposium „100 Jahre Schönbrunner Schule“ wurde ein typisch österreichisches Schicksal dargestellt: Die in Österreich noch wenig beachtete Reformpädagogik des großen österreichischen Kinderfreunde-Pädagogen Otto Felix Kanitz hat in Deutschland und Skandinavien längst Einzug in die Erziehungswissenschaft gehalten.

Wien, 14.6.2019 – Stürmischen Applaus erhielt Bildungs- und Jugendstadtrat Mag. Jürgen Czernhohorszky für sein Bekenntnis bei der Eröffnungsrede am pädagogischen Fachsymposium „Wir sind die Zukunft - 100 Jahre Schönbrunner Erzieherschule der Kinderfreunde“ im Seminarzentrum des Schlosses Schönbrunn. „Ich nehme jeden Tag ein Stück vom Geist des Kinderfreunde-Auftrages mit in die Arbeit, an einer besseren Welt für Kinder zu arbeiten. An einer Welt in der alles, was sich Eltern für ihr Kind wünschen, für alle Kinder möglich wird. Und die Kinderfreunde haben seit ihrer Gründung 1908 nicht nur davon geträumt sondern es angepackt. So lebt der Geist der Erzieherschule und der Kinderrepubliken, die beide heute ihren 100. Geburtstag feiern, zum Beispiel auch im größten Demokratieprojekt für Kinder in der 2. Republik weiter: Mit der Werkstadt Junges Wien haben sich bisher 22.800 Kinder an Strategien für die Entwicklung ihrer Stadt beteiligt. Und mit den Summer City Camps und Summer City Schools gehen wir einen großen Schritt auf das Ziel, gleiche Chancen und tolle Ferien für alle Kinder zu“, outete sich Czernohorszky als einer, der das Feuer seiner politischen Kinderfreunde-Heimat in sich trägt.

Die Pädagogik auf den Kopf gestellt

Der Geschäftsführer der Wiener Kinderfreunde, Christian Morawek lud daraufhin die rund 110 TeilnehmerInnen zu einer Zeitreise ein. „Hier in Schönbrunn haben vor genau 100 Jahren, engagierte Pädagogen und PädagogInnen der Kinderfreunde die damalige Pädagogik auf den Kopf gestellt und einen komplett neuen Weg eingeschlagen, der das Kind und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellt und die Beziehung zu Kindern auf Augenhöhe als Basis für Erziehung und Bildung gesehen. Ich bin sehr stolz, dass dieser damals revolutionäre und bis heute so wichtige pädagogische Ansatz von Anfang an in Kinderfreunde-Einrichtungen umgesetzt wurde. Der Schönbrunner Geist ist bis heute Herzschlag der Kinderfreunde-Pädagogik.“

Der Schönbrunner Geist

Dass dies erst seit kurzem auch in Österreich von modernen, weitsichtigen Erziehungswissenschaftlern anerkannt wird, erläuterte Dr.in Karin Steiner, zuständig für Bildungskooperationen und Pädagogische Entwicklungen bei den Wiener Kinderfreunden. Ihr Versuch, vor rund 20 Jahren ihre Diplomarbeit als Bildungswissenschaftlerin über die Kinderfreundepädagogik der Schönbrunner Schule zu schreiben, wurde damals noch abgelehnt. Erst zehn Jahre später konnte sie das Thema in ihrer Dissertation behandeln.  In Deutschland hatte die Reformpädagogik des Schönbrunner Kreises längst Einzug in die Erziehungswissenschaft gehalten, wie ihr Nachredner bestätigte.

In ihrer Darstellung des innovativen Ansatzes der Schönbrunner Erzieherschule der Kinderfreunde ging Steiner auch auf die historische Einbettung des reformpädagogischen Ansatzes ein.  „Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden Bildungsbürgertum und Arbeiterschaft, die sich unmündig und minimal gebildet schon von jungen Jahren an nur der Arbeit verschreiben sollte, segregiert. In dieser Zeit entstanden erste Arbeiter-Bildungsvereine, die Keimzelle der Arbeiterbewegung und eben auch die Ursprünge des Erziehungsvereins der Kinderfreunde. Denn man wusste über die Wirkkraft von Bildung, welche Fesseln der Abhängigkeit sprengen.“ Für Otto Felix Kanitz und andere führende Kinderfreunde-PädagogInnen war klar, dass ErzieherInnen mit dem höchsten und modernsten Wissen ausgebildet werden sollten. Denn wie Max Adler 1924 sagte: „Erziehung ist ein Beruf,  noch dazu einer der schwierigsten.“ Das Leitmotiv der Professionalisierung der Ausbildung war die Hinwendung zum Kind als zukünftiger „neuer Mensch“ auf Augenhöhe sowie gewaltfreie Erziehung ohne Autorität, um die Gesellschaft weiter zu führen und  positiv zu verändern. „Für diesen neuen Geist waren die Kinderfreunde auch mit ihrer Schönbrunner Erzieherschule starke Triebkraft. Mit dem ganzen Enthusiasmus ihrer Zeit und Jugend versuchten Kanitz, Alfred, Max und Jenny Adler, Hermine Weinreb und der Schönbrunner Kreis Kindern aus bescheidensten Verhältnissen das Recht auf Bildung als Grundbedürfnis zu ermöglichen. Ihr Ansatz war, dass nur eine offene, demokratisch gebildete Gesellschaft, eine auch für Kinder bessere Lebenswelt schaffen kann. Der Ansatz stand im krassen Gegensatz zum damals die Schulbildung dominierenden Bildungsziel der Kirche, systemkonforme Untertanen zu erziehen. Die Ziele der Schönbrunner erschienen damals utopisch“, so Steiner.

Ansatz einer widerständigen Pädagogik

Auch Prof. Dr. Armin BERNHARD, Professor für Allgemeine Pädagogik an der Universität Duisburg-Essen, strich die Kritik an den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen als wesentlichen Focus der sozialistischen Reformpädagogik von Kanitz hervor. Er bezeichnet Kanitz als seinen Lieblingspädagogen, die sozialistische Erziehung war für ihn „eine kreative mutige Antwort auf die verheerende Situation des Kindes aus der Arbeiterklasse.“  Parallel zur Zeit nach dem 1. Weltkrieg sieht Bernhard heute Trends zur Entdemokratisierung, Rebarbarisierung und Verrohung. Bernhard: „Die Anlage des Erziehungsmodells der sozialistischen Pädagogen verpflichtet uns, die Kritik an den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen zum Ausgangspunkt der Entwicklung pädagogischer Prinzipien zu machen. Die neoliberale Bildungsindustrie schreibt uns gegenwärtig eine auf lebenslängliche Anpassung angelegte Konsenspädagogik vor. Einige der zentralen Erziehungsprinzipien Kanitz‘ werden mit diesen herrschaftsförmigen Entwicklungen im Erziehungs- und Bildungsbereich kontrastiert. Für mich stellt sich daher die Frage, wo eine widerständige Pädagogik heute anzusetzen hätte, um Kinder und Jugendliche zur Mündigkeit zu befähigen und damit dem kulturellen Einfluss eines zerstörerischen Gesellschaftsmodells zu entreißen.“ In seinen weiteren Ausführungen erklärte er, dass er in der sozialistischen Gefühlsbildung eine Antwort auf die aktuelle Systemkälte, die er als „frierendes Unzuhause“ bezeichnet, sieht. Solidarität und die Kultivierung der Gefühlswelt der Kinder wäre als Prinzip von Bildungsprozessen wieder aufzunehmen. Von Kanitz zu lernen, heißt für den Universitätsprofessor: „Kinder zu kritischen widerständigen Menschen zu erziehen, indem wir ein offenes, warmes gesellschaftliche Zuhause schaffen“.

Wer einem Kind die Chancen nimmt, nimmt sie der ganzen Gesellschaft

Wie wenig selbstverständlich dieser Geist heute ist, machte die österreichische Schriftstellerin und Botschafterin im Rahmen des „Europäischen Jahres zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung“ Julya Rabinowich eindringlich klar: „Während ich also ein Kind unter Einheimischen sein konnte, wird dieser Prozess heute mit der Schaffung der Deutschförderklassen konterkariert. Diese Klassen der nichtautochthonen Kinder, die außer ihrem eigenen Fremdsein noch zusätzlich das Fremdsein der anderen kennenlernen - aber keine Kinder, die selbst verwurzelt sind und etwas von diesen Wurzeln vermitteln können. Das, was diese Klassen vermitteln, ist keine Integration.", bringt sie auf den Punkt, was es heißt ausgegrenzt zu werden. Sie betonte auch, dass der Verlust der Muttersprache „herb und bitter ist. Tragisch ist es, wenn Kinder ihre Erstsprache verlieren, bevor sie die Zweitsprache erlernen. Mehrsprachigkeit ist ein Mehrwert, Kommunikation keine Einbahnstraße. Sprache  ist ein Strom von ständiger Bewegung, in die Kinder eintauchen und schwimmen können müssen.“  Die Schriftstellerin appelliert darüber hinaus, dass „die Verweigerung von gleichen Chancen, das soziale Gefüge erschüttert. Wer einem Kind die Chancen nimmt, nimmt sie der ganzen Gesellschaft. Und jedes Kind hat ein Recht darauf, sich mit Kunst, mit Wissenschaft, mit Erkenntnis in jeder Form auseinander setzen zu können. Wenn wir als Gemeinschaft nicht dazu in der Lage sind, diese gleichen Chancen auch flächendeckend zur Verfügung zu stellen, sind wir weder solidarisch noch demokratisch, von offen ganz zu schweigen.“ Und eine offene Gesellschaft -  wie sie Kanitz und der Schönbrunner Kreis anstrebten – ist ihrer Meinung nach – die beste Antwort auf die Frage, welche Gesellschaft  wir zukünftigen Gesellschaften bieten möchten. Rabinowich: „Freie Gedanken sind das beste Gegenmittel zu autoritären Strukturen. Es ist in Verruf geraten, solidarisch zu sein. Es ist unbeliebt geworden, Verantwortung zu übernehmen. Es ist nicht in, die Schwächsten zu schützen. In ist es, die gestählten Ellbogen auszufahren und mit ihnen in Ben-Hur-Methode durch die Menge zu pflügen. Die Abstürzenden in einem solchen System sind Kollateralschäden. Wie der Exkanzler es einst sagte: ‚es wird nicht ohne unschöne Bilder gehen‘. Ich muss dem heftig widersprechen.

Eine Gesellschaft, die sich durch Brutalität und Gnadenlosigkeit auszeichnet, ist nicht darauf ausgelegt, friedlich zu bestehen. Eine Gesellschaft, die nicht in das Wertvollste investiert, das sie hat, nämlich die zukünftigen Generationen, hat keine Zukunft. Nur ein Team, das niemanden zurücklässt, wird ein erfolgreiches Team sein, und nur jene gemeinsame Reise, die alle Mitreisenden sicher an den Zielort bringt, ist eine erstrebenswerte.“

Lernen und Bildung brauchen nährende Beziehungen

Psychologin und Psychotherapeutin Dr.in Eva Unterweger, Professorin an der PH Wien (im Ruhestand) erörterte schließlich die wissenschaftliche Untermauerung der damaligen Ideen von Kanitz und dem Schönbrunner Kreis aus hirnbiologischer und psychologischer Perspektive. Man weiß heute, dass Wahrgenommen werden, Anerkennung und Sympathie die Ausschüttung motivationsfördender körpereigener Botenstoffe verstärken. Und dass Beschämung und Ausgrenzung körperliche Schmerzen, Angst, Aggression und Depression hervorrufen. Unterweger: „Kanitz und Alfred Adlers Blick auf das Kind war respektvoll und betonte die Bedeutung einer nährenden Beziehung in der Pädagogik. Ihre pädagogischen Prinzipien waren damals zu Zeiten gewaltsamer unterdrückender Erziehungsmethoden revolutionär und sind nach wie vor aktuell, lernen und Bildung brauchen nährende Beziehungen. Diese damals völlig neuen pädagogischen Ansätze wurden in der Schönbrunner Erzieherschule und in den Institutionen der Wiener Kinderfreunde in die Praxis umgesetzt. Mittlerweile sind sie in unserer Gesellschaft angekommen. Dennoch müssen unterstützende Beziehungen und die Kinderrechte hier und jetzt weiterhin wachsam gehütet werden.“

Vorreiter auch für UN-Kinderrechtskonvention

Die Moderatorin des Symposiums Bundesrätin Mag.a Daniela Gruber-Pruner, Leiterin des pädagogischen Büros der Österreichischen Kinderfreunde fasste für die TeilnehmerInnen, die aus den unterschiedlichsten institutionellen Bildungsbereichen, öffentlichen Stellen und privaten Bildungsorganisationen kamen die unterschiedlichen Aspekte zusammen: „Die Welt für alle Kinder zu verbessern war und ist Leitgedanke der Kinderfreunde damals und heute. Es hat 1919 immens viel Mut für die pädagogischen Innovationen des Schönbrunner Kreises gebraucht. Dieses mutige Engagement unserer VorreiterInnen ist uns heute Vorbild, Inspriation und Motivation. Sie haben nicht wissentlich, dass es Jahrzehnte später die Kinderrechtskonvention geben wird, schon damals an den drei Säulen der heutigen UN-Kinderrechtekonvention gearbeitet: Kinder vor Hunger, Gewalt und Armut geschützt, durch Bildung und Kultur gefördert und immer auf die Beteiligung von Kindern an der Entwicklung ihrer Lebenswelt wert gelegt.“

Reges Interesse an Ausstellung

Zwischen den Vorträgen führte Prof. Heinz Weiss, Autor von Büchern über Kanitz und den Schönbrunner Kreis und engagierter Kinderfreunde-Historiker ebenso wie Karin Steiner durch die Wanderausstellung "Der Schönbrunner Kreis". Und abschließend luden die Kinder des aktuellen Kinderfreunde-Kindergartens in Schönbrunn alle Gäste zu einem Besuch mit Eis-Erfrischung ein. Dabei konnten sich die SymposiumsteilnehmerInnen davon überzeugen, wie Kinderfreunde-Pädagogik heutzutage in Schönbrunn umgesetzt wird.

Druckansicht
 


Österreichische Kinderfreunde - Landesorganisation Wien
Albertgasse 23 · 1080 Wien
01/401 25 - 11 ·

© 2015 Kinderfreunde. All rights reserved.