Mädchen mit Stirnband

2009: Auf der Suche nach dem Zaubertrank

Ein Projekt zum Thema Ernährungsbewußtsein von Kindern

AutorInnen: Marion Hackl, Winfried Moser, Michael Guzei, Martina Szabo

Fertigstellung: September 2009

AuftraggeberIn: Gesundheitsministerium

Projektvideos finden Sie im Artikel

Ernährungsfragen wurden in den letzten Jahren zunehmend zum Thema in verschiedenen pädagogischen Handlungsfeldern, vor allem im Schulbereich. Beispiele dafür stellen etwa das Wiener Netzwerk "Gesundheitsfördernde Schulen" oder die Servicestelle GIVE dar, sowie das Projekt "Gescheite Jause - Coole Pause". Einerseits wird das Angebot an Lebensmitteln unterschiedlichster Qualität und Zusammensetzung immer größer; die Kompetenzen, um sich in diesem Warendschungel und den damit verbundenen Suggestionen der Werbewirtschaft zurechtzufinden, müssen allerdings erst erworben werden. Andererseits fehlt Kindern häufig der Zugang zur Herkunft unserer Nahrungsmittel. VolksschullehrerInnen nehmen zunehmend wahr, dass Kinder aus dem städtischen Berich noch nie eine Kuh gesehen oder Erdbeeren selbst geerntet haben und dass Kinder häufig nur in geringem Ausmaß in die alltägliche Zubereitung der Speisen eingebunden sind. Diese Entwicklung führt nicht nur zu einer Entfremdung der Betroffenen von ihren Nahrungsmitteln, sondern auch zum Verlust elementarer Kulturtechniken des selbständigen Pflanzens, Erntens und Zubereitens von Nahrung.

Anliegen des hier vorgestellten Projekts ist es, Kinder auf Grundlage eines ressourcenorientierten pädagogischen Handlungsansatzes für das Themenfeld Foodmarketing zu sensibilisieren und ihnen Gelegenheit zu geben, selbst mit Nahrungsmitteln zu hantieren und etwas über ihren Gebrauch und ihre Wirkungsweise zu erfahren. Grundlegende Informationen über gesunde Ernährung werden spielerisch vermittelt und es wird dazu angeregt, das eigene Ernährungsverhalten zu reflektieren. Wichtig ist uns, dass die drei Elemente - Sensibilisierung für Marketing, Wissen über Ernährung und Erfahrung im Umgang mit Nahrung - im Sinne einer ganzheitlichen Erziehung gemeinsam betrachtet werden. 

Das vorgestellte Projekt setzt auf die Eckpfeiler "Erleben-Erfahren-Begreifen" mit nachfolgender Reflexion. Da es immer auch wichtig ist, für kurzfristige Änderungen, die sich aus dem gruppendynamischen Prozess ergeben, offen zu sein, ist das Planspiel in unabhängige Module aufgeteilt. Damit ist eine Skalierbarkeit von Tagesseminaren bis hin zu wochenfüllenden Formaten möglich.Unser Essverhalten wird, ähnlich wie - im negativen Sinne - auch Suchtverhalten, vom Belohnungszentrum unseres Gehirns mitbestimmt und ist stark emotional besetzt. Wir beeinflussen durch unser Essverhalten unsere Befindlichkeit und verbinden Essen oft mehr mit Belohnungsverhalten, Stressbewältigung oder Frustrationskompensation, als mit ernährungsspezifischem Verhalten. Foodmarketing versucht auf dieser emotionalen Schiene Verhaltensweisen zu verstärken und unterstützt damit kompensatorische Zugänge zur Ernährung. Der hier vorgestellte pädagogische Ansatz versucht, Kinder und Jugendliche auf der erlebnisorientierten Ebene abzuholen und Alternativen zu eingefahrenen Denkmustern zu finden.

Im Rahmen eines einwöchigen Pilotprojekts im Kinderferienlager Döbriach wurde im Auftrag des bmukk ein fünftägiges Planspiel entwickelt, in dem Kinder mit unterschiedlichen Bereichen des Themenfelds "Ernährung" in Berührung kommen. Die Einheiten nehmen täglich 2 bis 3 Stunden in Anspruch (insgesamt 10 bis 15 Stunden) und können auch einzeln gebucht werden. Wichtige Elemente sind die Reflexion eigener Ernährungsgewohnheiten, die Vermittlung von Grundlagen gesunder Ernährung, die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Geschmacksrichtungen und eigenen Geschmacksvorlieben, das Ausprobieren verschiedener Verarbeitungsweisen von Lebensmitteln, das Auskosten des Unterschieds zwischen künstlichen und natürlichen Inhaltsstoffen sowie eine Sensibilisierung für die Mechanismen der Werbepsychologie. Grundlage der Auseinandersetzung mit Werbung sind Werbebilder, wie sie im Foodmarketing verwendet werden. Im Rahmen des Projekts wird aufgearbeitet, welche Gefühle Werbebotschaften vermitteln, auf welche Weise in der Werbung Gefühl und beworbenes Produkt miteinander verbunden werden, und wie diese Gefühle im realen Leben erreicht werden können. Es kommen sowohl Junk-Food-Marketing (Negativbeispiele) als auch bewusstseinsbildende Werbebotschaften (Positivbeispiele) zum Einsatz.

In diesem Rahmen können Kinder und Jugendliche über eine längere Zeitdauer dauerhaft motiviert werden, sich mit dem Thema Ernährung intensiv auseinanderzusetzen. Dabei ist es wichtig, gruppendynamische Prozesse in den Ablauf einzubeziehen. Der Bezug zum eigenen Ernährungsverhalten der Kinder wird immer wieder hergestellt, aber ohne eine Problematisierung von ungesundem Essverhalten und ohne belehrende Informationen. Der Ansatz der Selbsterfahrung und Selbstentdeckung, der haptisch-sensorische Umgang führt zu eigenmotivierten Aussagen, die von den Kindern und Jugendlichen selbst kommen und dadurch in Richtung eines nachhaltigen Ernährungsbewusstseins wirken. 

Viele Projekte zum Thema Ernährung verfolgen einen problemorientierten Ansatz. Fehlernährung und Essstörungen, denen gesunde Ernährung als Lösungsansatz gegenübergestellt wird, stehen oft im Mittelpunkt. Dieses ambivalente Herangehen spiegelt nur die inneren Prozesse wider, die im Zusammenhang mit unserer Ernährung in uns allen vorhanden sind. Um Ambivalenzen aufzulösen ist das zuwenig. Durch die Polarisierung wird zwar auf der kognitiven Ebene ein Bewusstsein für "gute" Ernährung geschaffen, aber auf der emotionalen Entscheidungsebene des Gehirns bleibt der emotional-genussbetonte Aspekt der bestimmende Faktor in den Alltagsentscheidungen, die die Ernährung betreffen. Viele Jugendliche wissen, dass sie sich nicht gesund ernähren, sie wissen, dass Fast Food, Energydrinks und Süßigkeiten keine wertvollen Nahrungsmittel sind - trotzdem lassen sie sich in ihrer Befindlichkeit von diesen Nahrungsmitteln beeinflussen. 

Der ressourcen- und erlebnisorientierte Ansatz unseres Konzepts versucht, Alternativen zu Energy- oder Softdrinks in einem erlebnisorientierten Setting zu entwickeln und sie damit positiv zu verankern. Durch die intensive Auseinandersetzung mit Kräutern, Gewürzen und Inhaltsstoffen entsteht ein anderer Zugang zum Thema als durch kognitive Informationen über den Zucker- oder Coffeingehalt von Energydrinks. Das entspricht dem präventiven Ansatz der Lebenskompetenzförderung, bei dem nicht im Vordergrund steht, Kindern und Jugendlichen Informationen und Verhaltensregeln zur Ernährung zu vermitteln, sondern in dem dieser Prozess mit fachlicher Begleitung selbst erlebbar gemacht wird.

Das Format des hier vorgestellten Planspiels ist individuell skalierbar und an die verschiedensten Settings anpassbar. Dadurch ist es auch sehr gut als Schulprojekt geeignet. Der modulare Aufbau ermöglicht die Umsetzung in Form von eintägigen Workshops genauso wie die Organisation eines wochenfüllenden Schwerpunktthemas. Die Eckpfeiler der Module sind dabei: 

(1) Eigene und alternative Formen der Ernährungspyramide

(2) Haptik und Sensorik mit Nahrungsmitteln

(3) Eine kritische Analyse von Medien und Werbung

(4) Forschen, experimentieren und entdecken

Mögliche Einsatzgebiete für unseren Konzeptansatz sehen wir sowohl im schulischen als auch im außerschulischen Bereich - bitte Kontaktieren sie uns bei Interesse unter winfried.moser@kinderrechteinstitut.at

Projektvideos:

Hier finden Sie den Link zur Aufzeichnung eines Vortrages von Winfried Moser zum Thema Werbung im Kinderprogramm:

Vortrag von Winfried Moser zum Thema Werbung im Kinderprogramm

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